vermeintlich Zeitverschwenden

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„Was, du hast echt Protokoll geschrieben? Mann, ich kann mich einfach nicht dazu aufraffen, mit dem Quatsch Zeit zu verschwenden…“

"Meine Lieblingsbeschäftigung? Schlafen!" Quelle: Torsten Klemm/pixelio.de

Ja, es gibt sie, die Wesen, die sich trotz des grassierenden Erfolgs- und Karrierewahns noch trauen, zuzugeben, alles etwas langsamer und „relaxter“ anzugehen. Von ihnen stammen Redewendungen wie „ganz geschmeidig“ oder „total unaufgeregt“. Bei Vorstellungsgesprächen nennen sie als ihre größten Schwächen „Redseligkeit und schlechtes Zeitmanagement“. Im Freundeskreis kommentieren sie die soeben über Beamer präsentierten Urlaubsbilder mit einem beinahe selbstironischen Spruch à la „Also, ich bin da ja total altmodisch – ich knipse immer noch mit der analogen Uralt-Kamera, so einer Spiegelreflex von Nikon, die schon mein Opa benutzt hat. Naja, irgendwie mag ich auch lieber Fotoalben anschauen, da hat man noch was zum Anfassen.“ Es sind die Typen, die noch richtig „old school drauf sind“. Kritik trägt diese Bummelbande gern unterschwellig vor, im Deckmantel einer Rechtfertigung – natürlich ungefragt und ohne jede Notwendigkeit – und vermittelt damit ein unangenehmes, schwer zu fassendes Gefühl, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

Es sind die vermeintlichen Zeitverschwender, die angeblich auf Schule, Uni und Arbeit pfeifen, und anstatt dessen in ihrer Freizeit viel lieber „abhängen“ und „einfach mal Fünfe gerade sein lassen“. Es sind die Menschen, die ihr schlechtes Gewissen über sinnlos verbummelte Zeit damit rechtfertigen, einfach ein bisschen lockerer drauf zu sein als andere. „Ey, Alter, schalt mal ’nen Gang runter – wozu die Eile? Kommste ich heut nich, kommste ich morgen“, lauten Ratschläge dieser hyperentspannten Müßiggänger auf dem Weg in die Arbeitswoche.

Hier und da mal eine Auszeit nehmen - dagegen ist Nichts einzuwenden - aber bitte nicht damit prahlen! Quelle: Lupo/pixelio.de

Liebe Ruhige-Kugel-Schieber: Niemand nimmt euch tatsächlich ab, aus Überzeugung statt aus Unvermögen zu trödeln. Und keine Sau interessiert sich dafür,

1. aus welchen Gründen ihr euer Soll nicht erfüllt,

2. ob ihr zu cool oder einfach nur zu unselbstständig seid, euch an Zeitvorgaben und Fristen zu halten und

3. dass euch die moderne Technik inklusive digitaler Uhren, Kalender und Kameras im Grunde nur eine riesen Angst einflößt, ihr sie aber lieber verteufelt, als das einfach mal zuzugeben.

Eure als Bescheidenheit, Selbstironie oder Entschuldigung getarnten Selbstgefälligkeiten werden von den „Oberstrebern“, wie ihr gut organisierte und gewissenhafte Menschen gern nennt, längst als die Unverschämtheiten entlarvt, als die ihr sie gemeint hattet. Ob und wie ihr eure Zeit verschwendet, nutzt oder einfach nur verstreichen lasst, behaltet doch bitte für euch, denn – um es mit euren Worten zu sagen – es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

auf den Kopf gestellt

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Von Zeit zu Zeit sollte jeder mal am Rad drehen – solch ein Perspektivwechsel hilft dabei, festgefahrene Situationen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und neu zu bewerten. So lässt sich Lebenszeit wieder sinnvoll verwenden. Wem es allein schwer fällt, sich von den Schranken des Alltags zu befreien, für den gibt es hier das Kopfkarrussell to go: Das nenne ich eine runde Sache!

Wenn Journalisten keine Zeit verschwenden…

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Die Entscheidung ist gefallen: „Döner-Morde“ wurde zum Unwort des Jahres 2011 gewählt. Die Jury, bestehend aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten, wählte unter 2420 Einsendungen einen Begriff aus, der beispielhaft für eine Arbeitsweise im deutschen Medienzirkus steht, bei der weder gute Recherche noch sinnvolle Einordnung der Fakten beherzigt wurden. Oft leidet Qualität im Journalismus – auch bei seriösen Medien – unter dem ständigen Konkurrenz- und Zeitdruck. Keine Redaktion kann es sich leisten, Zeit damit zu verschwenden, Meldungen und Artikel lange zurückzuhalten. Eine ausweglose Situation? Antworten liefert dieser Leserbrief:

Liebe Qualitätsmedien,

vielen Dank für eure gewohnt seriöse, in Bild und Text anspruchsvolle sowie korrekt recherchierte Berichterstattung zu den „Döner-Morden“, wie ihr die tödlichen Attentate auf neun in Deutschland lebende Mitbürger mit Migrationshintergrund nanntet.

Zu eurer Information: Der durchschnittliche Döner ist etwa halbtellergroß, wiegt ca. 300 Gramm und ist meist in türkischen, griechischen aber auch deutschen Imbissbuden anzutreffen. Ein Döner hat, im Gegensatz zu einem Menschen (egal welcher Herkunft) keine Gefühle, keinen Sinn für Diskriminierung oder Ausgrenzung und erst recht keine lebendigen Züge. Es sei denn, bei dem verwendeten Gyros handelt es sich um „Gammelfleisch“. Dann würde es nicht überraschen, liefe der Döner selbst Sturm gegen die inflationäre Verwendung seines Namens in den Medien.

Ein Döner zum Anbeißen - die Berichterstattung eher zum Davonlaufen. Quelle: Wandersmann/pixelio.de

Ich hoffe, ihr verzeiht mir diese kleine Spitzfindigkeit, aber mit der Genauigkeit scheint ihr es ja ohnehin nicht allzu genau zu nehmen. Wie gerne ihr doch solche Begriffe aus der kreativen Wortschmiede der BILD-Redaktion zitiert. Anfangs noch mit distanzierten Anführungszeichen oder dem Einschub „sogenannten“; später lässt sich auch darauf verzichten. Weitere Beispiele für solche sprachlichen Ausrutscher und ausgezeichneten Unwörter des Jahres sind „Renterschwemme“, „Zellhaufen“ (beides Verdinglichungen menschlicher Wesen) und „Topterrorist“. Welch ein Glück, dass Osama bin Laden nun tot und nicht mehr top ist… Aber mal ehrlich, muss das denn sein? Sind solche verharmlosenden, gar euphorisierenden Begrifflichkeiten nicht den Medien zu überlassen, die ihren Lesern, Zuschauern und Hörern kein Interesse an den wahren Zusammenhängen und Hintergründen zutrauen?

Ich meine, dass sich Qualitätsmedien wie die Tagesthemen oder der Spiegel eigene Maßstäbe in Bezug auf Informationsbeschaffung, Wortwahl und Verbreitung von Informationen setzen und einhalten sollten. Schon bei ersten Rechercheschritten und ganz einfach durch Nachdenken müsste doch jedem Journalisten die Absurdität des Begriffes „Döner-Morde“ auffallen. Zum einen, weil es sich nicht um die Ermordung von Dönern handelt, wie das Wort vermuten lässt. Zum anderen, da lediglich zwei der Opfer tatsächlich Döner verkauft haben. Scharfzüngige Berichterstattung will ich nicht anprangern, ebenso wenig wie die Verknappung von Worthülsen. Aber von sprachlichen Herabwürdigungen und Verallgemeinerungen solltet ihr, liebe Qualitätsmedien, euch lieber distanzieren!

Was also tun, mit den ach so verlockenden Begriffen, die schön griffig von den Kollegen vorformuliert wurden? Die Antwort liegt klar auf der Hand: Kritisch prüfen, abwägen und gemeinsam (also mit dem gesunden Menschenverstand) beurteilen, ob aus verdorbenem Fleisch wirklich „Gammelfleisch“ werden muss, ob Osama bin Laden und seine Anhänger begrifflich gelobhudelt werden sollten oder ob der Mord an einem Deutschen bald auch Kartoffelmord genannt werden darf.

Mit besten Grüßen,

eine Vertreterin eurer Zunft

Praktisch unbezahlt Zeitverschwenden

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Wenn sich der Bundespräsident einen Patzer erlaubt, wenn Kreuzfahrtschiffe auf Grund laufen oder wenn die deutsche Fußballelf im WM-Finale spielt, kocht die Nachrichtenlage hoch. Doch in der Regel passiert täglich so viel Neues, dass Themen bereits nach kurzer Zeit auf der Nachrichten-Bestsellerliste nach unten rutschen und schließlich ganz von der Bildfläche verschwinden. Daher lohnt es, genauer hinzuschauen und nachzufragen: Was ist eigentlich geworden aus…

…dem Vorschlag des EU-Parlaments im Sommer 2010, unbezahlte Praktika zu verbieten?

Zeitverschwenden beim unbezahlten Praktikum Quelle: Sassi/pixelio.de

Die Ausbeutung von Jugendlichen sollte damit endlich ein Ende haben. Die Unzufriedenheit vieler junger Leute, die gezwungenermaßen von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten wanderten, um Lücken im Lebenslauf zu überbrücken, wurde immer deutlicher. Eine Berufsausbildung oder abgeschlossenes Hochschulstudium, in das viel Geld und Zeit investiert worden war, reichte plötzlich nicht mehr aus, um bezahlte Arbeit zu tun. Nach einer Studie des Bundesarbeitsministeriums arbeiteten damals etwa 50 Prozent aller Praktikanten unentgeltlich. Viele Arbeitgeber schwelgten in dem Luxus, nicht über Kündigungsschutz und Tarifverträge verhandeln müssen, sondern qualifizierte Kräfte schamlos aber legal ausnutzen zu können. Sie stützten sich auf das Urteil des Bundesarbeitsgerichtes vom 13. März 2003, nach dem bei Praktikumsverhältnissen der Ausbildungszweck im Vordergrund stehe. Die Vergütung stelle daher auch eher eine Aufwandsentschädigung oder Beihilfe zum Lebensunterhalt dar. Im Gegensatz zu Arbeitsverhältnissen, bei denen die Vergütung die Gegenleistung zur erbrachten Arbeit darstelle (Quelle: Deutscher Gewerkschaftsbund Jugend). Grund für die „Generation Praktikum“, bei diesem Spiel mitzuspielen, war die Hoffnung auf eine spätere Festanstellung – doch die wurde häufig enttäuscht. Nicht nur die betroffenen Jugendlichen, auch das Europaparlament empfand die unbezahlten Wochen und Monate harter Arbeit daher als Zeitverschwendung. Die Forderung lautete: Zahlung eines Grundgehalts zur Abdeckung der Lebenshaltungskosten des Praktikanten und eine zeitliche Begrenzung.

Hat sich durch den Vorschlag des Europarlaments etwas geändert? Im Jahr 2011 waren laut einer Studie vom DGB Jugend noch immer 40 Prozent der Praktika gänzlich unbezahlt. Der durchschnittliche Verdienst bei bezahlten Praktika lag bei 550 Euro im Monat. Doch vor allem im medialen Sektor ist der Nulltarif bei Praktika immer noch der Regelfall. Aktuell zahlt der MDR für ein Praktikum weder ein Entgelt noch einen Unterhaltszuschuss. Auch bei anderen öffentlich-rechtlichen, durch Gebühren finanzierten Sendern wie dem ZDF erhält der Praktikant keine Vergütung. Die ProSiebenSat1 Media AG ist inzwischen dazu übergegangen, Praktika mit einem Betrag von etwa 200 Euro zu vergüten  – eher eine gut gemeinte Aufwandsentschädigung als ein angemessener Lohn. Amazon dagegen nutzt die weiterhin bestehende Gesetzeslücke sogar für die Ausbeutung von unbezahlten Arbeitskräften.

Prinzipienfrage: Will ich unbezahlt arbeiten, um meinen Lebenslauf aufzupolieren? Quelle: Bbroianigo/pixelio.de

Fazit: Sobald das öffentliche Interesse abnimmt und ein Thema wie der Gesetzesentwurf zum Verbot unbezahlter Praktika von den Medienseiten verschwindet, sind Arbeitssuchende wieder auf sich allein gestellt. Und dann muss jeder für sich entscheiden, ob er bereit ist, mit Blick auf die Karriere Zeit mit unbezahlten Praktika zu verschwenden.

Zeitsprung

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Retro ist in. Egal ob in Form von Blogs, Sonnenbrillen oder der neuen Liebe zu Häkel- und Strickkursen, der Trend geht zurück in die Vergangenheit. Auch Facebook ist auf diesen Zug aufgesprungen und hat die Chronik entwickelt, mit der man nun neben den gegenwärtigen auch die jugendlichen Sünden und Kindheitserinnerungen seiner Mitmenschen ganz leicht ausspionieren kann. Auch ich möchte durch die Zeit reisen, zurück zu einem Ort, den ich zuletzt mit den Augen eines Kindes gesehen habe.

Mit dem Zug begebe ich mich auf die Reise; ein Transportmittel der gemächlichen Fortbewegung. Während der halbstündigen Fahrt von Hamburg nach Lüneburg lässt sich wunderbar Zeit verwenden: An diesem klaren Januartag trübt kein einziges Wölkchen den Himmel, kein Nebelschleier den Blick auf Felder und Wiesen, die von dem vielen Regen der letzten Tage überschwemmt wurden. An der West-Seite des Lüneburger Bahnhofs wird noch gebaut. Der Bahnsteig besteht bisher nur aus einem sandigen Untergrund. Nach einem übergroßen Schritt aus dem Waggon lande ich mit knirschenden Sohlen auf dem Platz zwischen zwei Gleisen. Ich brauche einen Moment, um mich zu orientieren. Früher bin ich mit meiner Familie immer mit dem Auto angereist; den Bahnhof kannte ich bisher nicht. Dann laufe ich einfach los, laut Beschilderung grobe Richtung Innenstadt.

Keine 100 Meter weiter muss ich eine Straße überqueren. Wie in Kindergartentagen gelernt, schaue ich nach links, nach rechts und dann wieder nach links. Ich werde von der Sonne geblendet und muss blinzeln. Dennoch erkenne ich eine schmale Straße aus Kopfsteinpflaster. Auf der linken Seite befinden sich Parkplätze, auf der gegenüberliegenden zweigestöckige Wohnhäuser aus Klinker. Mir sackt das Herz in die Hose. Das wird doch nicht etwa die… doch, es ist sie, die Straße, in der meine Großmutter väterlicherseits gewohnt hat. Mein Blick zum Straßenschild sucht mehr Bestätigung als Auskunft. Tatsächlich, es ist der Altenbrückerdamm. Jetzt überlege ich fieberhaft, welche Hausnummer die richtige ist. Irgendwas mit 9, glaube ich. Bei Haus Nr. 1 setze ich mich zielstrebig in Bewegung, bei der Nr. 6 verlangsame ich meinen Schritt, bei 9a weiß ich mit hundertprozentiger Sicherheit, dass ich richtig bin. Der Eingang wurde modernisiert, aber die Fassade, schmutzig gelb gebrannter Backstein, ist geblieben. Ich schaue nach oben rechts. Dort, in der Wohnung im ersten Obergeschoss, hat Dorothea Catterfeld gewohnt, Oma Thea, wie ich sie nannte.

Kurz überlege ich, ob ich bei den Nachmietern klingeln soll, um Einlass zu erbitten. Es würde mich brennend interessieren, wie sich die Wohnung verändert hat. In der Küche wird der alte Gasherd wohl durch eine moderne Induktionsplatte ersetzt worden sein, stelle ich mir vor. Das Wohnzimmer – ehemals schwer belastet von dunkelgrünen Cordsofas – besticht vor meinem geistigen Auge heute durch schlichte Eleganz in schwarz-weiß, vielleicht mit einzelnen Farbtupfern. Der vergilbte Spülkasten im winzigen Badezimmer mit der Kette, an der ich als Kind so gern gezogen habe, ist einer Toilette mit Doppelspülung gewichen, die sich leise rauschend an die Wellenlänge des Regenduschkopfes  anpasst. Hinter mir hupt ein Auto, ich blockiere die Einfahrt. Neugierig schaue ich mir die Klingelschilder genauer an. Natürlich steht da kein „Hier wohnte mal…“ Wie soll ich die fremden Namen den Einheiten zuordnen? Und überhaupt, was sollte ich der knisternden Gegensprechanlage antworten? „Hier spricht Nina Catterfeld, die Enkelin einer ihrer Vormieterinnen. Dürfte ich mal eben reinkommen und mich umschauen?“ Wohl eher nicht.

An der rechten Hauswand vorbei kann ich direkt in den Garten gehen, von dem man auf den schmalen Flussabschnitt der Ilmenau und den Spazierweg schauen kann. In dem vom Winterwetter feucht gebliebenen Gras laufe ich bis zum Rande des Grundstücks. Das ist keine weite Strecke und dennoch erscheint mir jeder Schritt wie ein Sprung durch die Zeit, zurück in die Vergangenheit. In meinen Gedanken reise ich fünfzehn Jahre rückwärts, zu unserem letzten Besuch in Lüneburg:

Oma Thea in jungen Jahren mit ihren Söhnen, meinem Onkel Gerhard (rechts) und meinem Papa Wolfgang (links)

Es ist Sommer, meine Eltern, meine Schwester, mein Onkel und ich sitzen auf dem Balkon im ersten Stock und trinken Kaffee bzw. den Kakao, den Oma Thea auf dem Gasherd zubereitet hat. Auf der zu heiß gekochten Schokoladenmilch schwimmt eine dünne Haut. Ich ekele mich, trinke aber schweigend weiter, weil ich Oma nicht durch Mäkelei kränken will. Währenddessen flechtet mir meine Mama die Haare, einen Kranz rund um den Kopf herum. Meine Schwester zieht mich auf, ich sähe aus wie Heidi, neckt sie. Ich lasse mich davon nicht irritieren und schaue auf das von steter Bewegung erfasste Wasser.

Und damit rausche ich wieder zurück in die Gegenwart, in der ich leicht schwankend, mit einem Kloß im Hals und Tränen in den Augen den Joggern am Flussufer hinterher schaue. Zeit, zu gehen, denke ich. Zeit, loszulassen. Oma Thea ist im August 2001 gestoben, nach 42 Jahren im Altenbrückerdamm 9a. Ich muss sie nicht auf dem Friedhof besuchen, um mich an sie zu erinnern. Ein Ort, an dem wir gemeinsam Zeit verbracht haben, bedeutet mir mehr als ein gesichtsloser Grabstein. Ein letztes Mal gehe ich in Gedanken in die alte Küche. „Danke, Oma, für den leckeren Kakao!“

Arbeitslosenzeit

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Durch eine große Drehtür betrete ich das mehrstöckige Gebäude. Die Empfangshalle ist groß, hell und modern gestaltet. Ich gehe in den ersten Stock zur „Arbeitsvermittlung“. Hier befindet sich ein zweiter Empfangsschalter, vor dem sich – Achtung! – keine Schlange gebildet hat. „Wieso ist denn hier so wenig los?“, frage ich erstaunt die Dame hinter dem breiten Tresen. Zwei offene Augen schauen zurück und lächeln mich verschmitzt an: „Sie hätten mal Anfang der Woche da sein müssen, zum Quartalsanfang, da standen die Leute bis auf den Gang raus.“ „Und seit wann muss man hier keine Nummern mehr ziehen?“, frage ich weiter. „Schon seit Ewigkeiten nicht mehr, wann waren Sie denn das letzte Mal bei uns?“ Noch nie. Ich war noch nie auf dem Arbeitsamt.

Nicht nur der Name, früher Arbeitsamt, heute (Bundes-)Agentur für Arbeit, hat sich geändert. Meine Vorstellung von einem dunklen, depressionsschwangeren Wartesaal voller verzweifelt drein blickender Menschen deckt sich so gar nicht mit diesem Ort, an dem Ratsuchende persönlich von einem Mitarbeiter in Empfang genommen und in ein kleines Séparée werden. In der „Wartezone“ halten heute gerade mal eine Hand voll Menschen auf. Eine Mutter sitzt mit ihrem Sohn am Computer und klickt sich durch Stellenangebote. Ein Pärchen diskutiert lebhaft. Was das Problem sei, frage ich. „Ach, naja, Stress mit dem Arbeitgeber“, murmelt der junge großgewachsene Mann mit der Bewerbungsmappe in der Hand. „Und nun?“, hake ich indiskret nach. „Naja, warten, ne?“, lautet die kurzsilbige Antwort. Dann schweigt er und schaut weg. Gespräch beendet. Warten worauf, frage ich mich: warten auf einen neuen Job, warten auf bessere Arbeitsbedingungen, warten auf den Vermittler von der Agentur? Letzteres kann kaum zutreffen, denn schon nach nicht mal zwei Minuten werden die beiden aufgerufen. „Viel Glück“, wünsche ich noch, bevor ich den Mann mit den kurz geschorenen Haaren beobachte, der auf dem Stuhl gegenüber von mir sitzt. Mit den Fingerkuppen trommelt er einen Stakkato-Takt auf der Lehne. Dann klingelt sein Handy. Er hebt ab und faucht ins Telefon: „Da?“ Es folgen einige hingeworfene Sätze auf russisch. Ich schiele auf das Symbol mit dem durchgestrichenen Telefon. Der Mann bemerkt meinen Blick und ignoriert ihn. Auch er wird binnen weniger Minuten aufgerufen. „Herr Ka- Kat- Katschenko?“

Jetzt bleiben nur noch die Mutter, ihr Sohn und ich zurück. „Und wonach suchen Sie?“, spreche ich sie an. „Egal, ich nehme alles, was mit Büro zu tun hat. Hauptsache Arbeit“. Dann zeigt sie mir eine Stellenanzeige und kichert: „Da steht „Grilleur gesucht“, was ist denn das für ein Beruf?“ Ein jugoslawisches Restaurant aus Hamburg Billstedt sucht ab sofort eine Hilfskraft am Grill – Ausbildung nicht erforderlich, Berufserfahrung aber zwingend. Die junge Frau liest sich die Details durch und meint noch: „Zur Zeit ist’s schwierig.“ Dabei wirft sie ihrem Sohn einen langen Blick zu.

Im Flur hängen bunte Plakate mit der Aufschrift: „Noch schneller wissen, was Sie wissen wollen“. Die Agentur für Arbeit bewirbt mit diesem Slogan ihre kostenpflichtige Telefonhotline. In einem Holzkästchen liegen Feedback-Bögen, auf denen steht: „Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben“. Überall finde ich Präventiv-Entschuldigungen für lange Wartezeiten. Auch bieten die verschiedenen Abteilungen wie die akademische Beratung für Abiturienten und Hochschulabsolventen oder die Beratung von Menschen mit Behinderung eine relativ zügige Orientierung sowie  umfassende Beratung zu Ausbildungs- und Arbeitsstellen.

Doch was außen glänzt…

Im Gebäude gegenüber befindet sich das Jobcenter, wo Arbeitslosengeld-II („Hartz-IV“) -Beziehern dabei geholfen werden soll, „ihren Lebensunterhalt unabhängig von der Grundsicherung aus eigenen Mitteln und Kräften bestreiten“ zu können, so heißt es im zweiten Sozialgesetzbuch. Hier finde ich schließlich auch den Automaten, an dem man eine Nummer ziehen kann. In diesem Wartesaal drängeln sich etwa 40 Menschen jeder Altersklasse und Nationalität. Die Leute sitzen auf der Vorderkante von unbequemen Klappstühlen aus Plastik. Kaum jemand nutzt die Garderobe zum Aufhängen seines Wintermantels. Unter den vielen Wartenden entdecke ich nur eine einzige Frau, die etwas zum Lesen dabei hat. Andere starren auf den Boden, ihre Schuhspitzen oder auf ihr Handy. Mein Sitznachbar meint, er warte schon seit über eine Stunde darauf, dass seine Nummer 365 aufblinkt. „Ich will doch nur schnell ein Formular abholen. Und während ich hier rumhänge und nichts tue, könnte ich längst Stellenangebote durchschauen. Pure Zeitverschwendung ist das.“ Sein Einwand wird von einem Gong übertönt, der niemanden außer mir hochblicken lässt. Auf der Anzeigetafel leuchtet in rot die Nummer 220.

Filmkritik: „In Time – Deine Zeit läuft ab“

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 In dem Kinofilm „In Time – Deine Zeit läuft ab“ geht es um die Zukunftsvision einer Gesellschaft, in der die Währung Geld durch Zeit ersetzt wird. Aufgrund einer Genmanipulation altern Menschen nur bis zum 25. Lebensjahr. Anschließend bleibt ihnen nur noch ein Jahr auf der digitalen Lebensuhr, um weitere Minuten, Stunden und Jahre auf der Erde zu verdienen. Diese Zeit kann analog zur Währung Geld erarbeitet, geliehen, verschenkt oder gestohlen werden. Der Protagonist Will Salas (Justin Timberlake) erhält durch ein Geschenk 116 Jahre Lebenszeit, dank derer er aus dem Ghetto, der Zeitzone der Armen, fliehen kann. Nach dem Tod seiner Mutter, die sich eine Fahrpreiserhöhung nicht leisten konnte und deswegen sterben musste, sühnt er nach Rache an den Reichen, die das Finanzsystem steuern und aufrechterhalten. Er entführt die wohlhabende Sylvia Weis (Amanda Seyfried) und überzeugt sie davon, dass ein Leben im goldenen Käfig nicht erstrebenswert ist. Gemeinsam rauben Will und Sylvia rauben Zeitbanken aus und verteilen Lebensjahre, in Form von in elektronischen Speichermedien, an die Armen aus dem Ghetto. Auf der Flucht vor den „Timekeepern“, die verhindern wollen, dass das finanzielle Gleichgewicht des Systems ins Schwanken gerät, müssen sie um jede Minute kämpfen.

Wenn zwei gutaussehende junge Schauspieler wie Justin Timberlake und Amanda Seyfried mit Revolvern bewaffnet und gedresst in maßgeschneiderter Haute Couture vor einer bedrohlichen Übermacht davonlaufen, um von den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben, nennt Hollywood das einen „Science-Fiction-Thriller“, während sich der Zuschauer an ein modernes Märchen à la Robin Hood erinnert fühlt.

Trotz stimmiger Analogien zu unserem heutigen Wirtschaftssystem und durchdachter Elemente wie Preiserhöhungen und Inflation verlässt der Zuschauer den Kinosaal mit einem etwas zwiespältigen Gefühl, die eigentliche Handlung während der zahllosen klischeehaften Verfolgungsjagden (er: gutaussehend, edelmütig und unerschrocken; sie: süß, verletzlich und auf zehn Zentimeter hohen Pfennigabsätzen) aus den Augen verloren zu haben. Dabei wird ein Missstand thematisiert, welcher weder etwas mit Science Fiction noch mit abstrusen Zukunftsgedanken zu tun hat: Die Vorstellung, dass sich reiche Menschen mehr Lebenszeit leisten können als arme, ist so simpel wie realistisch – in einem Land wie Amerika ohne flächendeckende Krankenversicherungen ohnehin. Doch allein durch die im Film gebotene Lösung, den Armen Lebenszeit zu schenken, wird nicht das grundsätzliche Problem sozialer Unterschiede gelöst. Im Gegenteil: Nachdem die Filmhelden beobachten, wie durch die Verteilung von Almosen der Währung der Wert verfällt und die Preise angehoben werden, überdenken sie nicht etwa die grundsätzliche Idee des Kapitalismus bzw. einer materialistisch-darwinistischen Gesellschaft, sondern treiben die Inflation weiter an. Und obwohl zu Beginn des Films kritisch angemerkt wird, dass durch die Genmanipulation zwar nicht der Körper verfalle, dafür aber der Geist müde und alt werde und den Wunsch nach einem Ende produziere, wird der Zuschauer im weiteren Verlauf nicht aufgeklärt, ob der Menschheitstraum vom ewigen Leben schließlich aufgegeben wird.

Von Beginn an unklar ist auch, wie und wann es zu der neuen Gesellschaftsform gekommen ist. Das mag bei einem Science-Fiction-Film zwar nicht notwendig zu sein, wäre aber wünschenswert bei einem Sujet, welches so dicht an den tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklungen einer zunehmenden Kluft zwischen Reich und Arm liegt. Auch werden die naheliegenden Wortspiele rund ums Wort „Zeit“ („Wir haben keine Zeit mehr“, „Gib mir noch etwas Zeit“, „Das wurde auch Zeit“, „Die Zeit heilt alle Wunden“) deutlich überstrapaziert. Das nervt auf Dauer!

Fazit: Als Anregung zu gesellschaftskritischen Betrachtungen eignet sich „In Time“ gut. Darüber hinaus bietet der Film jedoch wenig außer langwimpriger Augenaufschläge von Amanda Seyfried und jeder Menge Sprints durch eine spartanische Zukunftslandschaft, die keinen eingefleischten Science-Fiction-Fan begeistern kann. Pure Zeitverschwendung ist der Kinobesuch jedoch nicht, weil der Zuschauer während des 109 Minuten Leinwand-Feinwaschgangs noch genug Kapazitäten zur Verfügung hat, um über Jugend- und Schönheitswahn der Gegenwarts-Gesellschaft und sein eigenes Verständnis von einem erfüllten Leben nachzudenken.

„In Time – Deine Zeit läuft ab“

Drehbuch und Regie: Andrew Niccol

Filmstart USA: 28. Oktober 2011

Filmstart Deutschland: 1. Dezember 2011.

Länge: 109 Minuten

Zeitverwender der Woche

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"Alles hat seine Ordnung", war das Motto an der Supermarktkasse am Silvestertag. Was tun, mit der Zeit, die man in der Warteschlange verbringt, während die fleißigen Mitarbeiter Massen an Lebensmitteln und Feuerwekskörpern über's Band schieben? Genau, alle Waren möglichst platzsparend in Reih' und Glied anordnen, jeden Quadratzentimeter der Fläche ausnutzend. Das nennt man konsequente Zeitverwendung. Und dann auch ja nicht den "Näkubi" vergessen, hinzulegen! Was das ist? Der Warentrenner, auf dem steht: "Nächster Kunde bitte!"

"Kein Bock zu warten", dachte sich gestern ein junger Mann am S-Bahngleis des Hamburger Hauptbahnhofs und sprang kurzerhand auf die Gleise, um in die gewünschte Richtung loszulaufen. Passanten und DB-Sicherheitsbeamte konnten sich nur über diesen konsequenten Zeitverwender wundern. Das Gleis musste während der nächsten halben Stunde für den Bahnverkehr gesperrt werden - bis der Fußgänger sein Ziel, die nächste Station, erreicht hatte.

Expertin für Zeitmanagement Frauke Narjes im Interview: „Man darf auch Zeit verschwenden.“

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Spätestens seitdem es in Deutschland Bezahlstudiengänge und Anwesenheitslisten in den Veranstaltungen gibt, gehen Studenten (wieder) auf die Straße. Sie demonstrieren, protestieren und besetzen Hörsäle. In erster Linie fordern sie mehr Freiheiten im Studium. Ist das nicht Jammern auf hohem Niveau? Sollte sich die „Meckergeneration“ nicht viel eher auf das Wesentliche konzentrieren, anstatt Zeit damit zu verschwenden, sich andauernd zu beklagen? Laut Frauke Narjes, der Leiterin vom Career Center der Universität Hamburg, haben Studenten nicht generell zu wenig Zeit, sondern kaum Übung darin, diese richtig einzuteilen. Für den wissenschaftlichen Nachwuchs seien Bildung und die Flexibilität im Studium zentrale Themen, für die es sich lohne, Zeit aufzubringen – egal ob im Hörsaal oder auf der Straße.

Catterfeld: Was hat sich durch Einführung des Bachelor- (BA) und Master- (MA) Systems an deutschen Universitäten in Bezug auf die Zeiteinteilung während des Studiums verändert?

Narjes: Es hat schon immer Studiengänge gegeben, die enger getaktet waren als andere. Sicherlich sind einige Fächer zu verschult. Aber auch in den BA-/MA-Studiengängen ist eine variable Zeiteinteilung möglich. Schwierig ist die Anzahl von Klausuren und Prüfungen zum Ende des Semesters. Das müsste überarbeitet werden.

Catterfeld: Im Career Center leiten Sie regelmäßig Seminare und Workshops zum Thema Zeit- und Selbstmanagement. Sind die teilnehmenden Studenten chronisch überfordert oder einfach nur unfähig, ihre Zeit richtig einzuteilen?

Narjes: Weder noch. Die Teilnehmer sind interessiert daran, mit welchen Haltungen, Sichtweisen, Strategien und Instrumenten sie einen Plan machen können. Ich finde, Planung in einer Welt, die immer ungewisser wird, besonders wichtig. Das heißt nicht, dass man sich sklavisch an einen Plan halten muss. Aber um Dinge zu erreichen, zu bewegen und zu unternehmen, ist es immer gut, zu wissen, was das Ziel ist – auch wenn es sich immer wieder verändert. Entscheidend ist: Wie komme ich dahin? Was ist mir wichtig, und was nicht? Das kann man anhand eines Plans besser festhalten.

Wie genau so ein Plan aussehen soll, was an dem Wort Zeitmanagement irreführend ist und in welchen Situationen es sinnvoll sein kann, Zeit zu verschwenden, erklärt Frauke Narjes im Interview.

Hier geht’s zur Straßenumfrage und der Antwort auf die Frage, warum Entscheidungen so viel Zeit kosten.

Wo Zeitverschwenden?

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Kurz vor den weihnachtlichen Feiertagen verbringen viele Menschen an diesen Orten mehr Zeit, als ihnen lieb ist: am Bahnhof und am Flughafen. Wenn sich Züge verspäten oder das Boarding auf sich warten lässt, kommt man kaum unhin, sich über die verschwendete Zeit zu ärgern. Wieso also nicht einmal genauer hinschauen und ein paar Stimmen einfangen – und zwar am Kölner Hauptbahnhof und am Flughafen in Dortmund: